Werke aus dem Atelier und der Sammlung von Anton Henning
Kuratorisches Statement von Jana Noritsch
Unsere dritte Hängung zeigt in Kabinett 1 eine Auswahl an Werken von Anton Henning aus den Jahren 1992-2024.
In Korrespondenz dazu sind in Kabinett 2 Werke aus der Privatsammlung des Künstlers zu sehen von: Martin Assig, Beck/Huber, George Condo, William Copley, Yael Davids, Anne Katrine Dolven, Marliz Frencken, Antony Gormley, Jasper Hagenaar, Mathew Hale, Foma Jaremtschuk, Ernst Ludwig Kirchner, Jürgen Klauke, Barbara Klemm, Henning Kles, Sean Landers, Justin Lieberman, Thomas Palme, Giovanni Pisano - Werkstatt oder Nachfolger, Susi Pop, Tal R, Dan Reeder, Julian Rosefeldt, Eugen Schönebeck, Sibylle Springer, Aram Stephan, Hiroshi Sugito, Johannes Adolf Tillack, Miroslav Tichý, Kitagawa Utamaro und Rachel Whiteread (Kurzbiografien unten auf dieser Seite).
Der Blick in jedes Atelier und jede Privatsammlung ist intim. Da es sich bei den Werken in der Sammlung von Anton Henning häufig um Geschenke handelt, zeigt sich uns hier neben den
unterschiedlichen Bildsprachen der jeweiligen Werkautoren wie durch Puzzleteile insgesamt ein Bild, das sie vom Beschenkten haben. Erneut erlebte ich bei meiner zweiten intensiven Begegnung mit
Anton Hennings Sammlung ihre mit Freundschaft, Liebe und Anekdoten verwobene Genealogie: Eine ihn täglich umgebene sinnliche Tiefe wurde deutlich. Dazu gesellen sich kontinuierlich Arbeiten, die
er getauscht oder erworben hat. Sammlungsimmanent gibt es Werke aus verschiedenen Zeiten, Kulturräumen und in unterschiedlichen Techniken zu sehen.
Dies ist die zweite Hängung aus dem Fundus der Privatsammlung von Anton Henning im Antonymen Salon, die diesmal in einen Dialog tritt mit – teilweise bislang nicht gezeigten – Werken von Anton
Henning.
Es gibt Werke, die uns das Sein verdunkeln und Arbeiten, die erhellen: Man muss den Grad kennen, bis zu dem man mit der Erhellung gehen kann, ohne eine Zerstäubung der Dinge im Licht herbeizuführen; und man muss die Schatten kennen, die zur Erhaltung der Konturen notwendig sind. Für mich ist diese Hängung mit all ihrem Pluralismus letztendlich ein experimenteller Prozess zur Rehabilitierung von Welt-Auseinanderbrechen, Vernichtung, Asche … Die Welt beginnt mit einem Ja.
Ein Strich, der alles verändert [o.T., 1992], ein Tropfen, der Neues hervorzubringen vermag [Cover: Taste No. 3, 2013], ein Paradies [Das Paradies No. 18, 2022], ein L'Origine du monde [Pin-up No. 329, 2024] – die Welt beginnt mit einem Ja.
In Werkreihen hat er seine Sujets etabliert: Anton Henning (*1964) führt uns seine ernsthaften Fragen an das Leben, die Liebe und die Kunst oft in gestaltwandlerischen Narrativen vor Augen. Meist nicht ohne Heiterkeit, nicht ohne Bekenntnis, niemals ohne Leidenschaft. Für seine suggestive Auseinandersetzung mit der Kunstgeschichte, vor allem der Moderne, ist Anton Henning bekannt, hier ist es ein besonderes Anliegen, die unterschiedlichen Verschmelzungsgrade deutlich zu machen: Einerseits verlangen uns die mittels Strich, Palette und Stimmung hergestellten kunsthistorischen Bezüge sowohl beim Blumenstillleben [o.T., 1996] als auch bei dem von Einsamkeit geprägtem Raum [o.T., 2005] die Selbstbefragung nach Gesehenem, tatsächlich Wahrgenommenen oder Gelerntem ab. Andererseits bringt die 10-teilige Leinwandarbeit den eigensinnig-humorigen Henning hervor, wenn – wie in Filmstills festgehalten – The sudden and unexpected option for modernism No. 2 [2000] einen neugierigen, vielleicht genusssüchtigen Hennling durch neun Szenen tanzend zeigt.
Anton Henning sieht also durchaus Optionen für die Moderne – und für seine eigene fortwährende Beschäftigung mit ihr. So scheint sich in einigen Arbeiten sein Bedauern hinsichtlich ihres Endes zu
verfangen, hier im magritteesken One Beautiful Tomatoe in a Room [1992]. Doch zugleich fragt er uns nach der Immanenz des Augenblicks, des Hier und Jetzt. Stets prüft er seinen
Wertekosmos auf Wahrhaftigkeit, gleicht aktuelle Beobachtungen mit jenen ab, die aus früheren Zeiten überliefert sind: Welche Rolle spielen Schönheit, Tod, Pracht, Fülle, Abenteuer, Träume,
Schöpfung oder Erschöpfung, Macht, Liebe, Einsamkeit und Scheitern?
„Ich schöpfe aus meiner Sehnsucht“, antwortet er im aktuellen Fragebogen „Das Leben der Freien“. Diese Suche im Gegenwärtigen resultiert in seinen Kunstwerken: Wenn er eine Leer- oder Fehlstelle
findet oder ihm ein Missverständnis auffällt, ergänzt er seine und unsere Welt um ein Werk. Das ist das JA! Fehlt ein anmutiges Blumenstillleben, dann malt er es mit voller Hingabe, oder eine
Aktszene im Paradiesischen. Dies ist jedoch ist keine Flucht ins Imaginäre oder Inselige: Bei allen Vor- und Rückgriffen, bei aller Fantasie und Aura, die seine Arbeiten versprühen, finde ich,
sind Anton Hennings Werke keine Entsprechungen zu „l’imaginaire“ als Nicht- Ort des Seins. Ich glaube, er will nicht ins Ungeklärte verführen, sondern lotet stets Potenziale und Möglichkeitsräume
aus. In der Kunst wie auch als Mensch. Darum werden wir zuweilen Zeugen diffuser oder besonders heftiger Gefühle. Wie hier im Portrait [No. 546, 2019] aus
verschlungen-verschlingenden Mündern, Augen, Brüsten, das gesichtslos zwischen Wollust und Bedrohlichkeit changiert. Und Pin-up No. 289 [2022] wirft unmittelbar die Frage auf, ob nicht
jeder Anreiz zum Abenteuer, zum Leben, zum Ja als erstes die Vorhöfe der Schöpfung aufsucht und in den erregbaren Zonen beginnt, den Spitzen und Wölbungen, den Schattenwelten …?
Die kleine Kabinettausstellung mit Werken von Henning aus den Jahren 1992 bis 2024 lässt uns Sinnlichkeiten imaginieren, suggeriert erweiterte Räume und setzt punktuell Akzente, die teilweise neue Einblicke in das umfassendere Œuvre des Künstlers geben. Wie auch Anton Hennings Malerei, Skulpturen, Zeichnungen, Collagen und sogar Aneignungen eröffnen seine Poesie (Neulich erstach ich, März 2023) sowie die Many Modern Films 1997-2000 [The Manker Melody Makers, Video 56 min., 1997] neue Sphären. Über allem erhaben und schwer elegant-divenhaft: das Pin-Up No. 291 [2023]. Wie zustimmend und in voller Schönheit ruhend: ein plastisches Blumenstillleben [No. 371, 2007]. Und beim Verlassen des Kabinettraums zipfelt oder nippelt sich uns wie ein Relikt aus den Hochzeiten der Pop-Art ein weiterer Henning’scher Griff zwinkernd entgegen: Moderne Malerei No. 14 (Classic Pop) [1998].
Zunächst wirkt „Die Welt beginnt mit einem Ja“ wie eine recht frühlingshafte Mischung aus allen Zeiten und Genres, die im ersten Moment vor allem von Lust, Liebe, Weiblichkeit, Schönheit zeugt. Die Venus in der Größe einer Hosentasche anlitzt sich nahezu in jede Sichtachse. Bei näherer Betrachtung der 36 Kunstwerke wird viel Kritik offenbar, sodass schnell als bewiesen gilt: Ohne Nein gibt es kein Ja! Es lässt sich erkennen, dass das Ja des Ursprungs von uns unaufhörlich bestätigt und entschieden werden muss; und dass dies richtig harte Arbeit ist.
Der Ausstellungstitel modifiziert im Sinne des täglichen Neuanfangs die Zeile von Mathew Hale, der im Werk links schreibt: „Everything in the World began with a Yes“. Hier sind zwei Papiercollagen seiner Miriam-Stealing-Serie zu sehen. Beispielhaft ist hinsichtlich der Identitätsfrage für mich die Leinwandarbeit von Henning Kles, der im Portrait fragmentiert, Gesichtsteile aneinander- oder überlappend positioniert, verschiebt oder verzerrt – und sich so den Fragen der "Identität, Konsumkultur oder der Fragilität der Realität"[3] nähert. Dies tut in seiner Arbeit auf ganz andere Weise auch Julian Rosefeldt, der mit Stunned Man als zweiten Teil seiner Trilogie des Scheiterns filmische „Allegorien unserer verzweifelten und letztlich vergeblichen Versuche [visualisiert], den uns umgebenden Normen, Zwängen, Strukturen und Ritualen zu entkommen, die uns bestimmen.“ (Stefan Berg und Katerina Gregos, in: Julian Rosefeldt: Film Works (2008))
Gleich unter dieser Fotografie sehen Sie von Beck/Huber Der Trauzeuge 1989/98 – aus der Serie „Seltsame Ereignisse“: Im Grunde eine Auskopplung der gleichnamigen Installation in der Ausstellung „Dem Herkules zu Füßen“ im Museum Fridericianum in Kassel entstammend. Hier bekommt das sogenannte Ja-Wort noch einmal eine andere Bedeutung.
Wie ein drastischer Kommentar dazu ist nun links an der Wand Dan Reeders augenlose, gestückelte Figur zu sehen: Der Slogan „If thy right eye offend thee and etc.“ ist der dritte Vers zum Thema Ehebruch des Matthäus- Evangeliums im Neuen Testament, Matthäus 5,29 [„Wenn du durch dein rechtes Auge zu Fall kommst, dann reiß es aus und wirf es weg!“].
Und in direkter Sichtachse lauert der vermeintlich milde Blick der von Konventionen durchtränkten Gattin des 1861 in Templin geborenen Malers Johannes Adolf Tillack. 1931 malte er seine Ehefrau und, wie das Etikett verso verrät, 1937 wurde das Gemälde in die „Große Deutsche Kunstausstellung“ im Haus der Deutschen Kunst in München eingereicht und angenommen. Ihre Anwesenheit in dieser Kabinettausstellung verschärft Fragen zu Richtig-und-Falsch-Bewertungen, Ausgrenzung, Denunziation, Isolation, vor allem hinsichtlich der Werke von Jaremtschuk, Whiteread, der Taschenvenus, aber auch Palme, Condo, Schönebeck ...
Denn etwa zur selben Zeit, 1937, wurde der 1907 in Sibirien geborene Foma Jaremtschuk der „Verleumdung der UdSSR“ beschuldigt und in ein Arbeitslager gesperrt. Die verbleibenden 50 Jahre seines Lebens blieb er hinter Gittern, seit 1947 in wechselnden geschlossenen Psychiatrieanstalten. Bis 1963 entstanden etwa 500 Zeichnungen, die ein Arzt aufbewahrte. Eines dieser Blätter verweist derzeit im Antonymen Salon auf inhumane Vorgänge wie Unterdrückung, Ausbeutung und unrechtmäßigen Freiheitsentzug.
Das bedrückende Gefühl des Ausgeschlossenseins setzte Rachel Whiteread mit „House“ um. Die Fotoarbeit der im Osten Londons gelegenen, gesellschaftskritischen Skulptur zeigt uns ein an sich recht vertrautes – wenngleich brutalistisch wirkendes – Haus, dessen Türen und Fenster jedoch nicht zu öffnen sind.
Während es hier kein Hineinkommen gibt, verdreht die israelische Performance- und Installationskünstlerin Yael Davids Körperteile und -öffnungen zu Tischen und Schemeln. Durch den Einsatz des kompletten Körpers lenkt die documenta-Teilnehmerin (2017) unsere Achtsamkeit auf die „Schnittstelle zwischen persönlichen und politischen Erzählungen“ (Sher Doruff) und formt neue Bedeutungen aus. Dies mündet stets in ihrer Frage: Was verteidigen wir eigentlich?
Kurz nach Erscheinen der Pandämonischen Manifeste von Eugen Schönebeck und Hans-Georg Kern, der sich fortan Georg Baselitz nannte, gegen das „vorherrschende Diktat der Abstraktion“ und für alles „Hässliche und Obszöne in der figurativen Malerei“ (Dorothea Zwirner), zeichnete Eugen Schönebeck 1963 ein entsprechendes, betont männliches Geschöpf auf einem Aquarellpapier De Staël, wobei diese Bezeichnung mittels einer dunklen Wolke fast vollständig verdeckt ist. Die Verdrängungsprozesse der Kriegserlebnisse in Form von abstrakter Kunst konnte er nicht akzeptieren.
Etwas überhöht, nahezu in der Ausstellung thronend: das Ketamin in der Arbeit von Sibylle Springer. Zweifelsohne auch in medizinischen Kontexten einsetzbar, steht das bewusstseinserweiternde Mittel zumindest sinnbildlich für die Hochzeit der Partydrogen im Zwanzigsten Jahrhundert. Mit „poisonous pleasure“ („toxisches Vergnügen“) kommentiert die Künstlerin ein weiteres Mal das „Zwiespältige“ und die „Ambivalenzen“ (Anne Storm) unserer Welt.
Mit ihrer unterschiedlich graduellen Weichheit setzen die Arbeiten von Miroslav Tichý, Barbara Klemm, Unbekannt (JHO) und Jasper Hagenaar sowie Martin Assig und William Copley Gegenpole zu den kritischen, teils arg zynischen Werken von George Condo, Sean Landers und Thomas Palme. Während sich die Positionen von Tal R und Marliz Frencken auseinandersetzen mit den Vorstellungen von Weiblichkeit in unserer Gesellschaft, steht AK Dolven für das Verhältnis Natur – Mensch allenthalben. Auch ihre Arbeit „friends“, ein Geschenk an Anton Henning, kann mehrdeutig gelesen werden.
Wir wären nicht bei Anton Henning, wenn es nicht Schönheit, Verführung, Weiblichkeit, Genuss gäbe!
Seduktiv die Werke von Ernst Ludwig Kirchner "Kniender weiblicher Akt mit erhobenen Armen" (1909) und Giovanni Pisano – Werkstatt oder Nachfolger „Venus mit Trauben“. In diese Anwesenheit schöner
Frauen fügen sich die Tageszeichnungen „Sekunden“ von Jürgen Klauke ein: Während Klauke in „Sunset Surrender“ Tim Buckley „zum gefühlvollsten Sänger erklärt“ und daneben in kleiner, feiner
Handschrift von einem Abend mit verschiedenen weiblichen Begegnungen erzählt, dokumentiert das zweite Blatt neben u.a. den Zeichnungen „Doppelgeschlechter – Büste auf Glasraum“ und
„Liebeserklärung“ den Besuch von M. Abramovic und anderes Tagesgeschehen. Klauke bricht Tabus zu einer Zeit, in der die Antibabypille nicht nur das weibliche Sexualleben freier machte. Er
erinnert sich (2016 Städel Museum): „Wir waren von Tabus umzingelt. Der Vorschlag war mehr oder weniger eine Art verordnetes Leben, was noch diese graue, restbraune Gesellschaft und das große
Schweigen, was darüber lag, innehatte. Dagegen wehrte ich mich mit meinen Arbeiten. In den Anfängen waren es Zeichnungen, die das, was wir heute als „Gender-Problematik“ bezeichnen, bereits
aufzeigten. In den Fotoarbeiten nutzte ich dann meinen Körper als Projektionsfläche, um, sagen wir mal, die Identität, die Sexualität aufzubrechen und zu erweitern. Also faktisch zu expandieren,
zu experimentieren über das Reale hinaus bis hin zum „utopischen Körper“.“
Das Träumerische, Verträumte, das bei Tal R auftauchte, ankert hier in „Le Rêve – Charts 97, Nr. 1“ von SUSI POP. Es gehört zu einer Reihe, die als Reaktion auf die Rekord-Versteigerungen 1997 entstand, wobei insgesamt drei Picassos Höchstwerte erzielten (Picasso „Le Rêve“: 48,8 Mio. US-Dollar). Dieser Kommentar zum Kunstmarkt in typischem Magenta aus Rubrik „Cover-Version“ zielt auf „Revision ab, lässt uns neu erfahren und neu diskutieren“ (Werner Müller). Passend zu „Die Welt beginnt mit einem Ja“. Bildwerke von Aram Stephan, Kitagawa Utamaro und Hiroshi Sugito schließen sich an. Auch Justin Lieberman lässt den Betrachtenden eine signifikante Rolle zukommen, indem er in seinem Diptychon „Elective Affinities with Monochromatic Color Average Shift“ die Anordnung gesammelter Flyer in monochromatische Farb(-„durchschnitts“-)flächen überträgt. Besonders dieser zweite abstrakt-polychrome Werkteil Liebermans bestätigt seine „Antiästhetik, die anarchisch und aggregiert ist, und sich den Systemen der Kategorisierung, des Konsums und der scheinbaren Ordnung widersetzt, obwohl das Werk von ganz eigener Tautologie nur so wimmelt.“ (abk)
Die Rote-Beete-Steinbutt- Zeichnung von Antony Gormley hingegen birgt eine weitere ganz persönliche Geschichte der freundschaftlichen Begegnung mit Anton Henning.
So findet sich mit jedem Werk ein individueller Kosmos, der seinerseits eigene Räume öffnet.
Und insgesamt ergeben sich durch unsere Hängung in den Kabinetten neue Dialoge, streitbare Themen und gerne intensive Gespräche.
Herzlich willkommen!
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Abbildungen: © Anton Henning, VG Bild Kunst Bonn 2024; © Giovanni Pisano - Werkstatt oder Nachfolger; © Henning Kles; Fotografie: © Jörg von Bruchhausen