
Während unserer fünften Saison zeigen wir in den beiden Kabinetträumen:
Look, Glance, Gaze – Anys Reimann und Anton Henning
April 2026 bis März 2027
„Look, Glance, Gaze” stellt Arbeiten von Anys Reimann (*1965, Düsseldorf) und Anton Henning (*1964, Berlin) erstmals in einen direkten
Zusammenhang. Die Hängung 2026 entfaltet in den Kabinetten des Antonymen Salons ein Wechselspiel zwischen Formen, Fragmenten und Setzungen der Malerei, der Zeichnung, Collage und des
Polaroids.
Die Auswahl an Arbeiten von Anys Reimann aus den Jahren 2009 bis 2026 zeigt zentrale Werkgruppen: Aus Versatzstücken historischer Bildarchive montiert die Künstlerin hybride Körper, deren Bildfiguren unseren Blick nicht nur auf sich ziehen, sondern den viel diskutierten Gaze aus den Bildern selbst zurückwerfen. Wie erscheinen Körper im Bild und wie werden sie gesehen? Der deutsche Begriff „Blick“ vereint verschiedene Nuancen des Sehens, die im Englischen mit Begriffen wie look, glance oder gaze unterschieden werden. Spätestens seit John Bergers Buch Ways of Seeing (1972) und Laura Mulveys Analyse des „male gaze“ (1975) gilt der Blick nicht mehr als neutral, sondern als Ausdruck gesellschaftlicher Machtverhältnisse: Wer schaut, verfügt über Deutungshoheit, während der dargestellte Körper zum Objekt der Betrachtung wird. Das bringt uns aber auch zu einer Schere im Kopf: Können wir uns erst zu einem Werk verhalten, wenn wir wissen, ob es von einer Künstlerin oder einem Künstler ist?
Reimanns Transformationen von Beinen, Nasen, Torsi oder Händen in den collagierten Konstellationen entziehen sich einer eindeutigen Identität und auch einer vorgegebenen Betrachtung. Ihr Werk bewegt sich damit im Spannungsfeld von Körperpolitik, Verzweigungen in die eigene Identität (BRANCHE MATERNELLE oder INCARNAT_Love circle I, 2018), Bildgeschichte und visueller Aneignung. Indem sie vorhandene Bilder durch Schnitt, Verschiebung und Überlagerung neu montiert und Körper in fragile Bildgefüge überführt, macht sie sichtbar, dass auch das Sehen selbst eine kulturelle Konstruktion ist.

In diesen Dialog begibt sich Anton Hennings Serie Rumination Suite, No. 1 von 2012, ergänzt durch weitere Werke im Salon. Die Serie zeigt malerische Figuren, die zugleich Linien, Körper, Skulpturen sind, Bildakteure auf Podesten oder Sockeln, aus schlauchartigen Formen, mit einer bühnenhaften Dunkelzone im Hintergrund. Henning inszeniert sie auf einer Bühne des Sehens und Gesehenwerdens: Sockel, Podeste, Lichtquellen, Malinstrumente erinnern an Museumsdisplays oder Atelier-Situationen. Man könnte meinen, die geradezu selbstreferenziell anmutenden tragik-komischen Figuren befänden sich in einem Zustand der Reflexion – über die Bedingungen der Malerei selbst, das Private und Präsentation, über Körperlichkeit und Begehren, Einsamkeit und Projektion.
Beide Positionen arbeiten mit Körperbildern: Während Anys Reimanns Collagefelder historische Blickregimes infrage stellen und modifizieren, wirken die Körper bei Anton Henning wie lebendig gewordene Linien, die die Tradition der Malerei reflektieren und Orientierung suchen. Als würden die Figuren das Sehen selbst performen. Insgesamt werden zwei unterschiedliche, jedoch jeweils dialogische Bildwelten zusammengeführt: In beiden Fällen wird der Blick thematisiert, verzweigt sich zwischen Bildausschnitt und Figur. Leise Konstellationen, Felder von Verbindungen, bilden sich, in denen die Werke einander antworten – und Impulse setzen, die auch unser Sehen in Bewegung bringen.
